DIE MAYBACH STROMLINIE

Ein interessanter Versuch


In den letzten Jahren hat die Automobilindustrie nach weitgehender Durchbildung des Fahrgestells der Wagen auch der bisher etwas vernachlässigten Formgebung der Karosserien größere Aufmerksamkeit geschenkt. Hierbei zeigte sich, daß die fließende glatte Linie durch ihre Sachlicheit den meisten Anklang fand, wie überhaupt in der Technik alles das auf das Auge schön wirkt, was auch konstruktiv richtig ist.

Bei Schnellfahrzeugen hat sich nun ganz allgemein ergeben, daß die Formbildung des Aufbaues nicht willkürlich gewählt werden darf, sondern ganz bestimmten aerodynamischen Gesetzen unterworfen sein muß, wenn nicht ein wesentlicher Teil der Antriebskraft, insbesondere bei höheren Geschwindigkeiten, zur Ueberwindung des Luftwiderstandes unwirtschaftlich verzehrt werden soll, wenn die Bedingung, d. h. die Straßen es gestatten.

Von diesen Gesichtspunkten ausgehend haben die Maybach-Werke als eine der ersten Automobilfabriken einen Wagen entwickelt, dessen Formgebung, ohne ins Extreme zu verfallen, den aerodynamischen Verhältnissen angepaßt ist.

Der neue Maybach-Stromlinenwagen zeigt gegenüber dem seit über 20 Jahren dominierenden Standard-Automobiltyp ein verändertes Aussehen. Der erste Blick läßt auch den Laien erkennen, daß hier vieles was dem freien Luftstrom Widerstand entgegensetzen könnte, nach Möglichkeit vermieden ist. Mit welcher Sorgfalt hierbei vorgegangen wurde, zeigt, daß selbst die Türgriffe in den Flächen eingelassen sind. Das Vorderteil des Wagens ist mit Kotflügeln, Scheinwerfern, Kühler und Motorhaube zu einem einheitlichen Ganzen verschmolzen, dessen gewölbte Front, tief heruntergezogen, Chassisarme, Vorderräder und Achse verdeckt.

Harmonisch angepaßt besteht das Profil aus einer glatten, durchlaufenden Fläche, die lediglich zum Abschluß gegen das Karosserieoberteil durch eine weiche Uebergangsrundung unterbrochen ist. Kotflügel, Reserveräder und, soweit erforderlich, Trittbretter sind in den Seitenflächen organisch eingebaut.

Das Rückteil des Wagens bildet im Gegensatz zu der bisherigen Bauart, die mit senkrecht verlaufenden Rückwänden unterbrochen durch Koffer, Kotflügel, Reserveräder etc. ungünstige Bedingungen für stromhemmmende Sog- und Wirbelbildung erzeugt, eine dem Auge gefällige, mit dem Dach des Fahrzeugs langsam abfallende, glatte Fläche, welche, weit über die Hinterräder herabreichend, dem Luftstrom ohne Hemmnisse ein Abgleiten auf die Fahrbahn gestattet. Kraftverzehrende Vakuumräume und Wirbelbildung werden hierbei durch die zweckmäßige aerodynamische Formgebung fast vollkommen vermieden.

Ohne wesentlichen Widerstand und dementsprechend geringsten Kraftaufwand, lüftet gewissermaßen die abgestumpfte, tiefliegende Stirnfläche des Wagens bei Fahrt die auf dem Boden ruhende Atmosphäre und läßt den Windstrom über Haube und Windschutz auf dem allmählich abfallenden breiten Rückteil abgleiten. Die neue Zweckform der Karosserie ergibt weiterhin ein bisher unbekannt geräumiges Innere, welches mit allem Komfort für die verwöhntesten Ansprüche ausgestattet werden konnte. Oberhalb des Rückpolsters der Fondsitze ist eine besonders praktische Ablage vorhanden, die sich für Hut, Stock, Schirm etc. eignet. Das Dach ist aufklappbar, so daß, abgesehen von guter Belüftung, auch im Gebirge ein freier Ausblick möglich ist.

Der große Kofferraum, im Rückteil des Wagens eingebaut, ist durch zwei verschließbare Klappen leicht zugänglich. Mit dem Türschloß werden durch eine sinnreiche Vorrichtung gleichzeitig Motorhaube und Reserveradräume verriegelt.

Maybach-Stromlinienwagen werden auf Spezialchassis der bewährten Sechs- und Zwölfzylindertypen "W 6" und "Zeppelin" geliefert.

Die Maybach-Werke wollen mit diesem neuen Typ zunächst einmal feststellen, inwieweit sich die sich aus dem aerodynamischen Grundsätzen ergebende neue Linienführung in den Augen des Automobilisten auswirkt.

Daß es sich hier um noch keine vollkommene Stromlinie handelt, sondern um eine geschmackvolle und geschickte Uebergangslösung, die das Terrain zu sondieren sucht, ist allen Beteiligten klar.

(Motor und Sport, 1932, Heft 28, Seite 23)

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". . . Nun liegt der Zeppelin auch in einer an die Stromlinie angenäherten Form vor. Hat der Wagen an Leistung gewonnen? Nun, die Fabrik gibt eine Steigerung der Höchstgeschwindigkeit auf 165 km/h an. Diese Angabe nachzuprüfen, bot sich leider keine Gelegenheit, nachdem der zur Verfügung gestellte Vorführungswagen bei Übernahme eben seinen 7. Kilometer hinter sich hatte.

Aber andere Eigenschaften, die der Stromlinie zuzuschreiben sind, kann man feststellen. Vor allem reagiert der Wagen überhaupt nicht
mehr auf seitlichen Winddruck. Nicht einmal in der Lenkung ist, trotz der Scheibenräder, der geringste Druck des Seitenwindes zu spüren. Wo sollte der Wind denn auch Angriffspunkte finden? Die Luft streicht vollkommen gleichmäßig an der Karosserie entlang, so gleichmäßig, daß man auch bei hoher Fahrt alle Wagenfenster offen halten kann, ohne daß sich die geringste Zugluft im Wageninnern bemerkbar machen würde. Und wenn der Regen einsetzt? Nun, dann läßt man die Fenster erst recht offen, denn die Regentropfen werden an der Außenhaut entlanggerissen, dringen in den Wagen nicht ein. Blickt man durch die Rückfenster, so sieht man hinter den Hinterrädern zwei feine Staubfahnen wirbeln. Das ist alles, was von der barbarischen Staubplage geblieben ist. Das hohe Tempo empfindet man nicht weiter, da das Pfeifen und Sausen der an den Ecken einer Standardkarosserie aufgewirbelten Luft durch die Stromlinenform vermieden ist. Schließlich muß man noch die Geräumigkeit des Wagens hervorheben, die durch das Überbauen desInnenraumes über die Trittbretter gegeben ist".
(Allgemeine Automobil-Zeitung, 1932, Heft 30, Seite 18, Stephan von Szénazy: "Ein Stromlinienwagen und zwei andere Maybach
auf der Straße")

 

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DS 8 – Geschickte Unterbringung der Reserveräder innerhalb der Pontonkarosserie. Scheinwerfer in ihrer ersten Formgebung.
"Der neue Maybach-Reisewagen mit Limousinenkarosserie. Die Form stellt eine Kompromißlösung dar zwischen Standardform und Stromlinie".
(Deutsche Fahrzeug-Technik, 1932, Nr. 16)

 

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DS 8 – "Zu beiden Seiten der erhabenen Karosserie-Mittelrippe ist je ein Guckfenster und darunter eine Tür zum Kofferraum vorgesehen. Der Raum ist geteilt und faßt vier Einsatzkoffer, entsprechender Form".
(Deutsche Fahrzeug-Technik, 1932, Nr. 16
)

 

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DS 8 – Der Wagen wurde nach einiger Zeit leicht modifiziert (Scheinwerfer, Farbe usw.).
". . . Maybach-Zeppelin mit einem Kühler, der einem Hechtkopf ähnlich ist und mit so ausgeprägten Stromlinien, daß selbst der stillstehende Wagen schon den Eindruck von Geschwindigkeit hervorruft".
(De Telegraaf, 1933, 16. Februar)

 

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". . . Eine weitere interessante Ausgestaltung erfuhr ebenfalls nach der Gedankenrichtung der Streamline hin das Heck der Fahrzeuge. War früher ein ziemlich geradfallendes Heck, das vielleicht unten leicht gerundet und wannenförmig verlief, durchwegs die gegebene Art, läßt es sich jetzt sanft rundend und nach unten vorwärtsstoßend die Hinterfront bilden. Diese Formgebung ist vielleicht am schönsten und am zweckmäßigsten bei dem Stromlinienmodell von Maybach gelöst, wo der entsprechende erweiterte Heckraum zur zwekkmäßigen Unterbringung von Koffern verwandt werden konnte"
(Motor und Sport, 1933, Heft 11, Seite 11/12)

 

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DS 8 – Stromlinie ist modern und zugleich schick, auch wenn die Verwirklichung der meist laienhaften Vorstellungen im Karosseriebau zunächst natürlich keinesfalls den erwartenden Effekt zeigten. Spohn konnte und wollte sich diesem Trend nicht verschließen und seine Vorstellungen hierzu zeigte er mit diesem Cabriolet in verschiedenen Farbstellungen mit hochelegantem Lacklederverdeck.
Karosserie: Spohn, 1934 und 1936.

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Spezial-Einsatzkoffer für den wegen des Reserverades nur von innen zugänglichen Gepäckraum.

 

 

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SW 35 – Der spindelförmige Rotationskörper (Luftschifform) der Länge nach halbiert war, wie Obering. Paul Jaray herausgefunden hatte, die Idealform für ein Landfahrzeug. Jaray setzte diesen halben Stromlinienkörper auf das einen Tragflügelsektor gleichende Wagenunterteil.
Das Ergebnis war diese Wagenform. Sie erregte allgemeines Aufsehen, Zustimmung der Fachleute, wohlwollendes Interesse beim Besucherpublikum, aber erbrachten letztlich keine konkreten Kaufaufträge bei der potentiellen Käuferschicht.
Karosserie: Spohn, 1935.

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SW 38 – Hier nun ein echter Stromformwagen, dessen Aufbau streng nach aerodynamischen Erkenntnissen (Jaray-Form) von R. Freiherr Koenig-Fachsenfeld entworfen, im Auftrag der Gummiwerke Fulda bei Dörr & Schreck gebaut wurde. Der Wagen lief als Testwagen für Automobilreifen.
Karosserie: Dörr & Schreck, 1939.

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SW 38 – Auch solche Karosserieausführungen bezeichnet man zu ihrer Zeit als Stromlinienwagen.
Karosserie: Autenrieth, 1938.

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Vermutlich eine der ersten Werbungen für den neuen Typ "SW 35". Sie erschien Anfang 1935 in der Fachzeitschrift "Motor-Kritik". Die Zeichnung entspricht einem Bild aus dem Werkskatalog und stellt ziemlich verzeichnet den von Obering. Paul Jaray, Luftschiffbau Zeppelin, entworfenen und bei Spohn gebauten Stromlinienwagen vor. Er wurde, stilistisch zwar ein wenig unbeholfen, aber sicher recht treffend als "Schnellwagen mit besonderer Eignung für die Autobahn" bezeichnet.

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